Brettspiel-Journalismus im Wandel
Shut Up & Sit Down im Niedergang — was ist seit Quinns' Abgang passiert?
„Ich habe das Gefühl, Shut Up & Sit Down wird seit Quinns' Abgang künstlich am Leben gehalten.“ Mit diesen Worten eröffnete der Reddit-Nutzer u/Pizzadewd666 einen Thread, der in der Brettspiel-Community hohe Wellen schlug: 382 Upvotes, 398 Kommentare — und eine Debatte, die tiefer geht als bloße Nostalgie. Was ist passiert mit dem einst unangefochtenen König des Brettspiel-Journalismus?
Der Thread, der alles auslöste
Der im Mai 2026 gepostete Thread auf r/boardgames traf einen Nerv. Pizzadewd666 konstatierte: Die Views pro Video seien „massiv gesunken im Vergleich zur Blütezeit“. Der Unterschied zu anderen Kanälen sei „deutlich kleiner geworden, was den Einfluss angeht“. Vor allem aber habe sich die Kultur verändert: „Die Leute wollen heute keine Videos mehr sehen und sagen: ‚Hey, das klingt nach Spaß, ich probiere es mal!‘ Sie wollen frühe Eindrücke zu Dingen, für die sie vor Jahren Hunderte von Dollar ausgegeben haben, und sie wollen, dass ihnen jemand sagt, dass sie die richtige Entscheidung getroffen haben.“
Sein Fazit: Quinns sei „zum richtigen Zeitpunkt ausgestiegen“.
Die nackten Zahlen: Was sagen die Views?
Ein Blick auf Social Blade zeigt: Der SUSD-YouTube-Kanal hat derzeit 460.000 Abonnenten und rund 112,5 Millionen Gesamtaufrufe bei 671 Videos. Die täglichen Views pendeln zwischen 5.000 und 20.000 — im Schnitt etwa 9.000 pro Tag, was hochgerechnet rund 270.000 Views pro Monat ergibt. Das ist für einen Nischenkanal respektabel, aber ein Schatten früherer Tage.
In der Blütezeit zwischen 2016 und 2021 erreichten einzelne SUSD-Videos regelmäßig sechsstellige Zahlen binnen weniger Tage. Klassiker wie die Reviews zu War of the Ring (2 Millionen Views), Gloomhaven (1,6 Millionen) oder Twilight Imperium (1,6 Millionen) sind bis heute die meistgesehenen Videos des Kanals. Auch neuere Hits wie die Arcs-Review (688.000 Views) oder die Old King's Crown-Besprechung (348.000 Views) zeigen, dass SUSD keineswegs irrelevant ist — aber die ganz großen Würfe sind seltener geworden.
Allerdings muss man vorsichtig sein: 2025 erlebte YouTube insgesamt einen dokumentierten Einbruch der View-Zahlen, ausgelöst durch Adblocker-Detection und Algorithmus-Änderungen. Viele Creator verloren 30 bis 50 Prozent ihrer Reichweite. SUSD ist davon nicht isoliert.
Quinns' Abgang: Ein geplanter Rückzug
Quintin Smith — besser bekannt als „Quinns“ — war das Gesicht und die Seele von Shut Up & Sit Down. Mit seiner Mischung aus ansteckender Begeisterung, trockenem britischem Humor und einer fast kultischen Bildschirmpräsenz prägte er den Kanal von der Gründung 2011 an. Doch der Rückzug kam nicht plötzlich.
Bereits 2021 reduzierte Quinns seine Präsenz spürbar. Im Januar 2024 folgte dann die offizielle Ankündigung: Tom Brewster übernimmt als Editor-in-Chief, Quinns startet mit „Quinns Quest“ einen eigenen YouTube-Kanal für Tabletop-Rollenspiele (TTRPGs). In seinem Abschiedsstatement schrieb Quinns:
„Teilweise bedeutet zu wissen, wann man einen Schritt zurücktritt, auch zu wissen, wann es Zeit ist, Platz für die nächste Generation zu machen — und es ist höchste Zeit, dass ich das tue.“
Sein neuer Kanal Quinns Quest hat inzwischen 109.000 Abonnenten und 24 Videos erreicht — ein beachtlicher Erfolg für ein Nischenprojekt. Einzelne Videos wie die Triangle Agency-Review knackten 196.000 Views. Quinns selbst beschreibt die TTRPG-Szene als dort, „wo die Brettspiel-Szene 2011 war“ — unterberichtet und unterbewertet. Er wolle nun für Rollenspiele tun, was SUSD für Brettspiele getan hat. Neben Quinns Quest arbeitet er auch für People Make Games, ein videospieljournalistisches Projekt.
Das neue Team: Tom, Matt und die anderen
Heute wird SUSD von einem Duo geführt: Tom Brewster als Editor-in-Chief und Matt Lees als Director. Tom beschrieb die Rollenverteilung mit typisch britischem Humor: Matt sei „ein unglaublich talentierter Kreativer, der — bei allem Respekt — das Organisationstalent eines Level-1-Goblins hat“. Er selbst sei ein „Organisations-Freak“, der Listen, Bullet Points und beschriftete Tüten liebe.
Zum erweiterten Team gehören Ava Foxfort als regelmäßige Contributorin sowie gelegentlich Emily („Emily and Things“). Paul Dean, Mitgründer und lange Zeit Quinns' kongenialer Gegenpart, hatte den Kanal bereits früher verlassen. Philippa Warr („Pip“) von Rock Paper Shotgun taucht nur noch sporadisch auf — sehr zum Bedauern der Fans, deren häufigster Wunsch laut Quinns schlicht „Mehr Pip“ lautet.
Die Reduktion des Teams auf im Wesentlichen zwei Stimmen ist einer der meistgenannten Kritikpunkte. Reddit-Nutzer u/SeemsImmaculate brachte es auf den Punkt:
„Ich liebe Tom und Matt, aber jetzt sind es nur Tom und Matt. Ich vermisse Quinns, Pip und Ava im Podcast und in den Videos. Jeder von ihnen hatte einen anderen Stil.“
Qualität vs. Charisma: Die große Debatte
Interessanterweise sind sich selbst die Kritiker einig: Die Qualität der SUSD-Videos hat nicht nachgelassen — im Gegenteil. Toms Reviews zu John Company, Arcs und Old King's Crown werden als „exzellent, wenn nicht sogar besser als Quinns' Reviews“ gelobt. Die Produktionswerte sind höher denn je. u/jkvandelay schrieb:
„Tom ist ein PHÄNOMENALER Filmemacher, Autor, Cutter, VFX-Künstler (Visual Effects) und Rezensent. Die Qualität der Videos war noch nie so fesselnd.“
Das Problem ist nicht das Handwerk — es ist die Magie. Quinns hatte eine Bildschirmpräsenz, die u/Conscious-Nerve4604 als „Sektenführer-Niveau an Charisma“ beschrieb. u/Stunning-Response824 formulierte:
„Tom ist in Ordnung, aber er fühlt sich an wie ein Rezensent und ein Angestellter von SUSD. Quinns hingegen fühlte sich an wie ein Freund, der seine neueste verrückte Erfahrung mit dir teilen wollte.“
Und u/PM-me-useless-arses bekannte trocken:
„Quinns' Abgang war das BESTE für meinen Geldbeutel. Ich glaube, ich habe seit seinem Weggang kein einziges Spiel mehr gekauft — er hat einfach immer alles so verdammt spaßig klingen lassen.“
Der Wandel des Brettspiel-Journalismus
Die tiefere These des Reddit-Threads geht über SUSD hinaus: Der Brettspiel-Journalismus selbst hat sich fundamental verändert. Wo früher kritische Reviews im Mittelpunkt standen, dominieren heute Kickstarter-Previews, Early Impressions und Crowdfunding-Hype. Das Geschäftsmodell hat sich verschoben: Creator werden von Publishers bezahlt, um Spiele vor der Veröffentlichung zu bewerben — oft ohne die Möglichkeit, das fertige Produkt zu testen.
Diese „Access Trap“ (Zugangsfalle) wurde in Videos wie „The Death of the Board Game Critic“ und „Board Game Journalism is Dead“ analysiert: Wer kritisch ist, verliert den Zugang zu Preview-Exemplaren und damit die Existenzgrundlage. Das Ergebnis ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf aus positiven, unkritischen „Reviews“, die eher Marketing als Journalismus sind.
SUSD hat sich diesem Trend bewusst verweigert. Sie reviewen fast ausschließlich Spiele, die im Handel erhältlich sind. Sie nehmen kein Geld von Publishern für Reviews. Doch genau diese Prinzipientreue könnte sie in der neuen Aufmerksamkeitsökonomie ins Hintertreffen bringen — das Publikum will heute oft genau das, was SUSD nicht liefert: schnelle, bestätigende Eindrücke zu den Kickstartern, in die sie bereits investiert haben.
u/Dr-Moth verteidigte SUSDs Haltung:
„Ich suche nach Reviews von Spielen, die ich heute kaufen kann. Ich will nicht, dass sie Kickstarter behandeln, die Hunderte kosten, bereits geschlossen sind oder nur frühe Eindrücke sind.“
Der „Shut Up & Sit Down-Effekt“ lebt
Trotz aller Unkenrufe: SUSDs Einfluss ist nicht verschwunden. Earthborne Games schreibt SUSD zu, durch deren positive Berichterstattung 1,5 Millionen Dollar an Late Pledges für den Earthborne Rangers-Reprint generiert zu haben. Positive SUSD-Reviews führen weiterhin regelmäßig dazu, dass Spiele ausverkauft sind. u/Thatthingintheplace betonte:
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie immer noch die besten Zahlen von absolut jedem im Brettspiel-Bereich machen.“
Ende 2024 ging SUSD zudem einen bemerkenswerten Schritt: die Gründung des Publishing-Imprints „SU&SD Presents“ in Partnerschaft mit Play to Z (gegründet von Z-Man-Games-Legende Zev Shlasinger). Die ersten Titel: Animal Rescue Team von Pandemic-Designer Matt Leacock und eine Remastered-Version von Paolo Moris Dogs of War. Tom Brewster betonte, man wolle Spiele „von Plastik-Bloat befreien“ und in ihre beste Form bringen. Ein kluger Schachzug — aber einer, der neue ethische Fragen aufwirft: Wie unabhängig kann ein Review-Kanal bleiben, der selbst Spiele publiziert?
Fazit: Niedergang oder Transformation?
Ist Shut Up & Sit Down im Niedergang? Die Antwort ist differenzierter, als der Reddit-Thread suggeriert. Ja, die Views sind gesunken. Ja, die charismatische Gründerfigur fehlt. Ja, das Team ist geschrumpft, der Output reduziert, die SHUX-Convention (das jährliche SUSD-Community-Treffen) pausiert. Aber: Die Qualität ist ungebrochen, der Einfluss auf den Markt real, und die Prinzipientreue in einer zunehmend korrumpierten Medienlandschaft ist bemerkenswert.
Vielleicht ist „Niedergang“ das falsche Wort. SUSD durchläuft eine Transformation — von der lauten, wöchentlichen Brettspiel-Show hin zu einem reiferen, langsameren, nachhaltigeren Projekt. Tom Brewster selbst formulierte es so:
„2024 markiert ein neues, subtiles Kapitel für SU&SD, in dem wir in unserem eigenen Tempo spielen und großartige Arbeit für die Leute machen, die mögen, was wir heute sind.“
Und Quinns? Der hat mit Quinns Quest bewiesen, dass sein Talent nicht an ein Format gebunden war. Vielleicht war sein „richtiger Zeitpunkt zum Aussteigen“ nicht nur ein glücklicher Zufall — sondern der Instinkt eines Journalisten, der spürte, dass sich der Wind dreht.
Quellen
- Reddit-Thread: Anyone else feel like shut up and sit down's been on life support since Quinn's left? (u/Pizzadewd666, Mai 2026)
- Reddit-Thread: Shut Up and Sit Down just isn't what it used to be (2025)
- Social Blade: Shut Up & Sit Down YouTube-Statistiken
- SUSD-Website: Shut Up & Sit Down, Quinns Quest, and The Year Ahead (Januar 2024)
- Wikipedia: Shut Up & Sit Down
- Quinns Quest: YouTube-Kanal (109K Abonnenten, 24 Videos)
- Quinns' Bluesky: @itsquinns.bsky.social — „Writer & presenter for Quinns Quest & People Make Games“
- BoardGameWire: SU&SD continues push into game development through tie-up with Play to Z (Dezember 2024)
- Jeff Geerling: YouTube views are down (don't panic) (2025)
- YouTube: The Death of the Board Game Critic: The Access Trap
- YouTube: Board Game Journalism is Dead (Cardboard Mountain, 2023)
- Grokipedia: Shut Up & Sit Down
- Thaumavore: Quinns' quest is here to make some seriously good RPG reviews