Knizia und Slawitscheck vor historischem Triple-Crown: Wer gewinnt das Spiel des Jahres 2026?

19. Juni 2026 · Spiel des Jahres · Lesezeit: ~8 Minuten

47 Jahre lang hat es niemand geschafft. Kein einziger Designer, keine einzige Designerin. Drei Kategorien, drei Preise — und noch nie hat eine Person alle drei gewonnen. Am 12. Juli 2026 könnte sich das ändern. Gleich zwei Schwergewichte der Brettspielszene stehen vor einem historischen Triple-Crown: Reiner Knizia und Markus Slawitscheck. Beiden fehlt nur noch eine Kategorie. Beide sind in genau dieser Kategorie nominiert. Die Bühne ist bereitet.


Das Triple, das es noch nie gab

Der Spiel des Jahres e. V. (SdJ) vergibt seit 1979 die begehrteste Auszeichnung der Brettspielwelt. Was als Einzelpreis begann, wuchs über die Jahrzehnte zu einem Drei-Kategorien-System: das Spiel des Jahres (der Hauptpreis für Familienspiele), das Kennerspiel des Jahres (seit 2011, für anspruchsvollere Titel) und das Kinderspiel des Jahres (seit 2001). 47 Jahre, Dutzende Preisträgerinnen und Preisträger — aber niemand hat jemals alle drei gewonnen. Bis jetzt.

Am 19. Mai 2026 gab die Jury in einem Livestream die Nominierten bekannt. Aus einem Rekordfeld von 571 gesichteten Spielen — 440 in den Kategorien Spiel und Kennerspiel (plus 14 Prozent gegenüber 2025), 92 im Kinderspiel-Bereich (ein Sprung um rund 50 Prozent) — wählte sie neun Titel aus, drei pro Kategorie. Und in dieser Liste steckt ein doppeltes Stück Brettspielgeschichte.

Die Nominierten 2026 im Überblick:

Knizia: Der Titan braucht das Kennerspiel

Reiner Knizia ist eine Legende. Über 700 veröffentlichte Spiele und Bücher weltweit, ausgezeichnet mit praktisch jedem großen Preis, den die Branche zu vergeben hat — vom Deutschen Spielepreis (fünf Mal) über den französischen Grand Prix du Jouet (drei Mal) bis zum Japan Board Game Prize (drei Mal). Im SdJ-Universum hat er bereits zwei der drei Trophäen: 2008 gewann er mit Keltis das Spiel des Jahres und im selben Jahr mit Wer war's? das Kinderspiel des Jahres. Knizia ist bis heute der einzige Designer, der zwei SdJ-Preise im selben Jahr gewann — ein Kunststück, das selbst nach 18 Jahren unerreicht ist.

Was ihm fehlt: das Kennerspiel des Jahres. Und genau dafür ist er 2026 nominiert — mit Rebirth.

Rebirth · Reiner Knizia · Frosted Games / Mighty Boards · 2–4 Personen · ab 10 Jahren · Illustration: Anna Przybylska & Kate Redesiuk · BGG: Gewicht 2.00/5

Rebirth ist ein Plättchenlegespiel, das in einem postapokalyptischen Schottland angesiedelt ist. Spielende schlüpfen in die Rolle von Clanführern, die strategisch Burgen wiederaufbauen und Gebietsmehrheiten erkämpfen. Die Mechanik erinnert an Klassiker wie Carcassonne, kombiniert mit Knizias typischer Eleganz: einfache Regeln, taktische Tiefe, starke Interaktion. Die Community auf BoardGameGeek (BGG) beschreibt es als „ein Carcassonne-artiges Spiel von Reiner Knizia — straff, fein ausbalanciert, mit leichter chaotischer Note auf dem Brett". Mit einem Komplexitätsgewicht von 2.00/5 liegt es genau im Kennerspiel-Korridor: zugänglich, aber mit genug Substanz für erfahrene Spielende.

Dass Knizia zusätzlich mit Meister Makatsu (Amigo) auf der Empfehlungsliste des Spiel des Jahres steht, unterstreicht seine anhaltende Produktivität. Der Mann ist 2026 allgegenwärtig.

Slawitscheck: Der junge Wiener greift nach dem Hauptpreis

Markus Slawitscheck, Jahrgang 1992, Lehrer und Spieleautor aus Wien, ist der aufstrebende Stern am anderen Ende des Spektrums. Mit gerade einmal acht veröffentlichten Spielen hat er bereits zwei SdJ-Trophäen im Schrank: 2023 gewann er — gemeinsam mit Johannes Krenner — das Kennerspiel des Jahres für Challengers! (1 More Time Games / Asmodee). 2024 folgte das Kinderspiel des Jahres für Die magischen Schlüssel (Game Factory), zusammen mit Arno Steinwender.

Was ihm fehlt: der Hauptpreis, das Spiel des Jahres. Und genau dafür ist er 2026 nominiert — mit Morty Sorty Magic Shop.

Morty Sorty Magic Shop · Markus Slawitscheck · Schmidt Spiele · 2–4 Personen · 20–30 Minuten · ab 8 Jahren · Illustration: David Cochard · Preis: 32,99 € · Schmidt Spiele Shop

Morty Sorty Magic Shop ist ein Plättchenlegespiel, bei dem die Spielenden als Lehrlinge im berühmtesten Zauberladen der Welt Zutatengläser in Regale sortieren müssen. Die Deckelfarbe bestimmt die Regalebene, die Zahlen müssen aufsteigend sein — einfach zu lernen, aber mit überraschender Tiefe durch verschiedene Wertungsrollen, beidseitige Spielpläne und magische Kätzchen als Joker. Die Jury lobte das Spiel als „Ordnung ist das halbe Spiel" — ein Familienspiel, das mit wenigen Regeln viel Varianz erzeugt.

Schmidt Spiele selbst schreibt auf der Produktseite: „Mit einem Sieg beim Spiel des Jahres 2026 wäre er der erste Autor, dessen Spiele in allen drei Kategorien ausgezeichnet wurden." Der Verlag weiß, was auf dem Spiel steht.

Die Konkurrenz: Wer könnte den Triple-Crown verhindern?

So verlockend die historische Narrative ist — die Jury bewertet Spiele, nicht Lebensläufe. Und die Konkurrenz ist stark.

Spiel des Jahres: Die Mitbewerber

Cozy Stickerville von Corey Konieczka (Unexpected Games) ist das einzige kooperative Spiel unter den drei Nominierten — und Koop-Spiele haben fünf der letzten sieben Hauptpreise gewonnen (Just One, MicroMacro, Dorfromantik, Sky Team, Bomb Busters). Ein friedliches Sticker-Abenteuer für 1–6 Personen, bei dem über 800 Sticker ein Dorf über zehn Spieljahre wachsen lassen. Konieczka, bekannt für komplexe Titel wie Star Wars: Rebellion und Battlestar Galactica, zeigt hier eine ungewohnt sanfte Seite.

Dito! (international als JinxO bekannt) von Martin Ang (Game Factory / Tabletoys) ist ein Wortassoziationsspiel mit Empathie-Komponente für 3–7 Personen. Die Spielenden versuchen zu erraten, was ihre Mitspielenden denken — ein soziales Partyspiel mit überraschendem Tiefgang.

Kennerspiel des Jahres: Knizias Rivalen

Moon Colony Bloodbath von Donald X. Vaccarino (Alea / Rio Grande Games) ist der vielleicht spannendste Gegenkandidat. Vaccarino, der Schöpfer von Dominion — dem Spiel, das das Deckbuilding-Genre erfand —, liefert hier einen chaotischen Sci-Fi-Tableau-Builder, bei dem Mondkolonien spektakulär scheitern. BGG-Gewicht: 2.12/5. Die Community beschreibt es als „ein Spiel, bei dem Scheitern sich noch nie so gut angefühlt hat". Auf der BGG-Hotness-Liste steht es aktuell ganz oben.

Boss Fighters QR von Michael Palm und Lukas Zach (Pegasus Spiele) ist ein kooperativer Boss-Battler mit App-Unterstützung. Palm und Zach haben bereits 2023 mit Dorfromantik: Das Brettspiel das Spiel des Jahres gewonnen — sie wissen, wie man SdJ-Jurys überzeugt. Die App-Komponente ist bemerkenswert: SdJ-Vorsitzender Harald Schrapers sieht darin keinen Trend („auch in zehn Jahren werden 90 Prozent aller Brettspiele ohne digitale Integration funktionieren"), aber sie könnte jüngere Zielgruppen anziehen.

Rekorde, Mängel und eine ernüchternde Statistik

Harald Schrapers nutzte den Nominierungs-Livestream auch für deutliche Worte. Selbst unter den besten zehn Prozent der gesichteten Spiele fand die Jury „eklatante Mängel":

„Unvollständige, mehrdeutige und widersprüchliche Spielregeln, fehlende Übersichten, eklatant falsche Altersangaben auf den Schachteln und Komponenten, die bei schlechtem Licht oder nach wenigen Partien nicht mehr einwandfrei funktionieren."

Harald Schrapers, Vorsitzender Spiel des Jahres e. V. (Nominierungs-Livestream, 19. Mai 2026)

Schrapers ergänzte, dass „vermutlich mehr als ein Werk wegen solcher Mängel keine Mehrheit in der Jury-Abstimmung fand". Ein deutlicher Appell an die Verlage, bei der Produktqualität nicht zu sparen.

Eine weitere ernüchternde Zahl: Der Frauenanteil unter den Designerinnen und Designern der nominierten und empfohlenen Spiele liegt bei 2,3 Prozent — 94 Prozent männlich, der Rest gemischte Teams. 2025 waren es 2,0 Prozent, 2024 2,6 Prozent. Die Nadel bewegt sich kaum.

Was ein SdJ-Siegel wert ist

Der wirtschaftliche Effekt eines SdJ-Gewinns ist enorm. Karsten Esser, Mitgründer von Pegasus Spiele, bezifferte den Umsatzschub in einem Interview 2023 auf das Zehn- bis Zwanzigfache in den Monaten nach der Preisverleihung. Selbst die Nominierung bringt bereits signifikante Verkaufssteigerungen. Für kleinere Verlage in einem überfüllten Markt mit jährlich tausenden Neuerscheinungen kann das SdJ-Siegel den Unterschied zwischen Erfolg und Bedeutungslosigkeit ausmachen.

Für Rebirth und den Verlag Frosted Games wäre ein Kennerspiel-Sieg ein gewaltiger Schub. Für Morty Sorty Magic Shop und Schmidt Spiele — die 2025 bereits das Kinderspiel des Jahres mit Topp die Torte! gewannen — wäre es die Krönung eines bemerkenswerten Laufs.

Der 12. Juli: Ein Tag für die Geschichtsbücher?

Die Preisverleihung findet am Sonntag, 12. Juli 2026, um 18:00 Uhr im nhow Berlin Music Hall statt. Alle drei Preise werden an diesem Abend vergeben. Die Reihenfolge ist traditionell: zuerst das Kinderspiel, dann das Kennerspiel, zuletzt der Hauptpreis.

Die Szenarien sind elektrisierend:

Knizia selbst hat sich zur Triple-Crown-Chance nicht öffentlich geäußert. Der 1957 geborene Mathematiker und promovierte Mathematiker ist bekannt für seine Zurückhaltung — er lässt Spiele sprechen, nicht Interviews. Slawitscheck, der 1992 geborene Wiener, ist in der Community präsenter, aber auch von ihm gibt es keine großen Töne vor der Entscheidung.

Die Brettspiel-Community fiebert dem 12. Juli entgegen. Auf BGG, Reddit und in den sozialen Medien wird bereits seit der Nominierung am 19. Mai diskutiert, gewettet und spekuliert. Die Frage ist nicht nur, wer gewinnt — sondern ob Brettspielgeschichte geschrieben wird.

Quellen

  1. BoardGameWire: Reiner Knizia, Markus Slawitscheck could both seal historic trio of wins (Mike Didymus-True, 19. Mai 2026)
  2. Spiel des Jahres e. V.: Offizielle Nominierungsseite 2026
  3. Spiel des Jahres e. V.: Termine — Preisverleihung 12. Juli 2026, nhow Berlin Music Hall
  4. Schmidt Spiele Shop: Morty Sorty Magic Shop — Produktseite mit Autoreninfo und Triple-Crown-Hinweis
  5. BoardGameGeek: Rebirth (2024) — Spieleseite mit Ratings und Gewicht
  6. BoardGameGeek: Moon Colony Bloodbath (2025) — Spieleseite mit Ratings und Gewicht
  7. BoardGameGeek: Boss Fighters QR (2025) — Spieleseite mit Ratings
  8. BoardGameGeek Wiki: Spiel des Jahres — vollständige Gewinnerliste 1979–2025
  9. BoardGameGeek Wiki: Kennerspiel des Jahres — Gewinnerliste inkl. EXIT 2017
  10. BoardGameGeek Wiki: Kinderspiel des Jahres — Gewinnerliste inkl. Wer war's? 2008, Die magischen Schlüssel 2024
  11. BoardGameGeek: Spiel des Jahres Nominees — Community-Thread mit Diskussion
  12. W. Eric Martin: 2026 Spiel des Jahres Nominees — Analyse und Vorhersagen
  13. Spieletest.at: Die Nominierten zum Spiel des Jahres 2026
  14. Die Zeit: Brettspiele — Spiel des Jahres 2026: Das sind die Nominierten
  15. Asmodee Deutschland: Spiel des Jahres 2026 Nominierungen
  16. Pegasus Spiele News: Boss Fighters QR nominated for Kennerspiel des Jahres
  17. Unexpected Games: Announcing Cozy Stickerville
  18. Wikipedia: Die magischen Schlüssel — Kinderspiel des Jahres 2024
  19. Knizia.de: Offizielle Awards-Liste — über 700 Spiele, 2× Spiel des Jahres
  20. Cliquenabend: Markus Slawitscheck — Profil mit SdJ-Auszeichnungen