Neun Spiele, neun Kurzporträts – und eine historische Chance für zwei Großmeister
Der Spiel des Jahres e.V. hat am 19. Mai 2026 die Nominierungen für die begehrtesten Auszeichnungen der Brettspielwelt bekannt gegeben. Insgesamt 571 Titel hat die Jury in diesem Jahr gesichtet – ein neuer Rekord. Neun Spiele haben es in die Endauswahl geschafft, drei pro Kategorie. Und im Hintergrund schwebt eine Frage, die es in der 47-jährigen Geschichte des Preises noch nie gab.
Die Preisverleihung findet am Sonntag, den 12. Juli 2026 um 18:00 Uhr statt. Dann werden die Gewinner in allen drei Kategorien – Spiel, Kennerspiel und Kinderspiel des Jahres – verkündet.
Noch nie in der fast fünf Jahrzehnte währenden Geschichte des Spiel des Jahres hat ein einziger Designer alle drei Kategorien gewonnen. Zwei der ganz Großen könnten das in diesem Jahr ändern.
Reiner Knizia – der produktivste Spieleautor der Welt mit über 700 veröffentlichten Titeln – gewann 2008 das Spiel des Jahres für Keltis und im selben Jahr das Kinderspiel des Jahres für Wer war's?. Was ihm noch fehlt: das Kennerspiel des Jahres. Mit Rebirth ist er nun genau in dieser Kategorie nominiert.
Markus Slawitscheck – der österreichische Autor hinter Challengers! (Kennerspiel 2023) und Die magischen Schlüssel (Kinderspiel 2024) – hat ebenfalls zwei Kategorien auf dem Konto. Das Spiel des Jahres als Hauptpreis fehlt ihm noch. Mit Morty Sorty Magic Shop greift er in der Königsklasse an.
Gewinnt einer der beiden – oder gar beide –, wäre das die erste „Triple Crown" der Spielepreis-Geschichte. Ein Kunststück, das selbst Legenden wie Wolfgang Kramer (fünfmal Spiel des Jahres) oder Klaus Teuber (viermal) nicht gelungen ist: Sie gewannen ausschließlich in der Hauptkategorie. Das Kennerspiel gibt es schließlich erst seit 2011.
Eine friedliche Auszeit mit über 800 bunten Aufklebern: Über zehn Runden bauen wir gemeinsam ein Dorf auf, errichten Gebäude und siedeln Tiere an. Jeder platzierte Sticker verändert die Geschichte – verlieren kann man nicht, nur eine andere Geschichte erleben. Dank doppelseitigem Spielplan lässt sich die Kampagne zweimal durchspielen. Auf BGG erzielt der Titel mit 2.013 Bewertungen einen starken Schnitt von 8,28 – der höchste aller Nominierten.
Beim gemeinsamen Planen entsteht eine konstruktive Atmosphäre, die alle in den Bann zieht. Der fröhliche Dorfbau bietet eine spannende Auszeit, die nicht antreibt, sondern einlädt.
Drei Dinge, die man im Gesicht trägt – Bart, Brille und … Hochmut? Bei Dito! geht es darum, die Assoziationen der Mitspieler zu erahnen. Wer denselben Begriff notiert, punktet – und wer genau eine Übereinstimmung hat, erhält Extrapunkte. Ein Partyspiel, das Verbindung schafft, statt Wissen abzufragen. BGG: 7,50 bei 271 Ratings, Gewicht 1,00 – das leichteste Spiel im Feld.
Nur über das richtige Erahnen von Gemeinsamkeiten sind wir selbst erfolgreich. Nebenbei lernen wir unsere Mitspielenden besser kennen.
Ordnung ist das halbe Spiel – und im Zauberladen von Morty Sorty unsere Hauptaufgabe. Eingehende Zutaten müssen in drei Regale einsortiert werden, aufsteigende Zahlenfolge beachten, aber möglichst Prestige einheimsen. Die Regeln sind simpel, doch die Entscheidungen werden von Runde zu Runde verzwickter. Unterschiedliche Wertungsvorgaben sorgen für hohen Wiederspielreiz. Mit 175 Bewertungen (7,13) ein noch junger Titel – aber einer mit dem gewissen Etwas.
Die klare Aufgabenstellung ist schnell erfasst. Im Spielverlauf üben die Verlockungen – in Kombination mit den Zwängen – einen besonderen Reiz aus.
Ein kooperatives Boss-Battler, bei dem jede Karte per QR-Code eingescannt wird – und der Gegner auf dem Tablet in Echtzeit reagiert. Als Troll, Halbling, Elfe oder Zwerg kämpfen wir uns durch zehn Bosse, verbessern unser Deck und passen die Schwierigkeit per App an. Ein Unikat, das digitale Elemente elegant in den Dienst des Spielerlebnisses stellt. BGG: 8,06 bei 1.362 Ratings – der bestbewertete Kennerspiel-Kandidat.
Als Heldengruppe eine gemeinsame Taktik zu finden ist ebenso reizvoll wie verbindend. Individuelle Stärken treffen auf überraschende Gegnerfertigkeiten.
Der Dominion-Autor liefert ein Tableau-Engine-Builder mit düsterem Twist: Wir bauen Minen, Hotels und Obstplantagen auf dem Mond – doch dann geht alles schief. Roboter rebellieren, die Bevölkerung schrumpft. Wer am Ende noch Leute hat, gewinnt. Alle sind gleichzeitig am Zug, niemand wartet. Mit 5.458 Ratings (7,64) der meistbewertete Kennerspiel-Nominierte, BGG-Rang 571.
Ein redaktionell ausgezeichnet gearbeitetes Spiel. Wir steuern sehenden Auges in den Abgrund – trotzdem stirbt die Hoffnung zuletzt.
Schottland oder Irland – auf einem der beiden Spielpläne legen wir Energieanlagen, Farmen und Häuser aus, erobern Burgen und erfüllen Aufträge. Das elegante Grundprinzip eröffnet eine Vielzahl taktischer Möglichkeiten. Mit 6.014 Bewertungen (7,76) und BGG-Rang 397 der beliebteste aller neun Nominierten in der Community. Wird Rebirth Knizias historischer dritter Streich?
Das Regelwerk ist elegant und zwingt zur Konzentration auf das Wesentliche. Die direkte Konkurrenz führt zu einem lebendigen und interaktiven Erlebnis.
Ein Werwolf im Feenkostüm und ein Vampir als Einhorn – die Monster sind uneingeladen auf der Buh-Party! Die Wahrsagerin blickt in ihre Kristallkugel, dann schließen die Monster die Augen: Welches Kostüm wurde noch nicht entdeckt? Ein Gedächtnis-Wettkampf voller Spannung, bei dem Kostüm für Kostüm die Nerven blank liegen.
Dank der bezaubernden Kostüme sitzen die Kinder sofort am Tisch. Kostüm für Kostüm spitzt sich die Spannung zu – Nervenkitzel vom ersten bis zum letzten Blick.
Zwei Stapel, zwei Kinder, zwei Entscheidungen: linke oder rechte Karte? Vorder- oder Rückseite? Traumhaft illustrierte Mookies aus fünf Familien wollen gesammelt werden – doch Spinnenkarten auf dem gegnerischen Stapel können die Trophäenjagd kippen. Mit 7,22 und 141 Bewertungen das bestbewertete Kinderspiel bei BGG.
Mit wenig Regeln entsteht ein spannendes Duell, von dem Kinder nicht genug kriegen können. Aus der kleinen Schachtel erwächst eine ganze Welt.
Vier magische Gegenstände wurden gestohlen – ein diebischer Geist treibt sein Unwesen in der Zauberschule. Asymmetrischer Wettlauf: Der Geist sammelt die Artefakte ein, die Zauberlehrlinge versuchen, seine Identität zu enttarnen (ist er gelb? eine Fee? Brillenträger?). Drei Würfel, Deduktion und eine Prise Bluff – wer zuerst am Ziel ist, gewinnt.
Die Aufgaben beider Teams sind unterschiedlich, aber gleichermaßen spannend. Bluffen, Taktik und Mut auf der einen, Deduktion und Kommunikation auf der anderen Seite.
Die Jury unter dem Vorsitz von Harald Schrapers hat in diesem Jahr so viele Titel geprüft wie nie: 440 Spiele in den Kategorien Spiel und Kennerspiel (plus 14 % zum Vorjahr), 92 Spiele für das Kinderspiel (plus rund 50 %). Neun weitere Titel wurden zusätzlich für die Empfehlungsliste in Betracht gezogen.
Doch Schrapers fand auch deutliche Worte: „Es hat viel Spaß gemacht, aber es gab auch echte Mängel bei vielen Spielen.“ Unvollständige, mehrdeutige und widersprüchliche Regeln, fehlende Kurzübersichten, eklatant falsche Altersangaben auf den Schachteln, Materialermüdung nach wenigen Partien – die Liste der Kritikpunkte ist lang. Dass es einige Titel trotzdem in die Auswahl geschafft haben, lag daran, „dass die Mängel im Verhältnis zum herausragenden Spielerlebnis nicht so gravierend waren.“
Mit Boss Fighters QR und dem empfohlenen Toriki setzen gleich zwei nominierte Titel auf eine App. Schrapers sieht darin aber keinen Trend: Er gehe davon aus, dass „weit über 90 Prozent der Brettspiele auch in zehn Jahren noch ohne digitale Integration auskommen“. Der Jury-Vorsitzende räumt jedoch ein, dass Apps helfen können, neue Zielgruppen zu erreichen, insbesondere jüngere Spieler.
Ein trauriger Dauerbrenner: Nur 2,3 Prozent der gesichteten Spiele stammten von Designerinnen – 94 Prozent von Männern, der Rest von gemischten Teams. Die Werte sind nahezu unverändert im Vergleich zu 2025 (2,0 %) und 2024 (2,6 %).
Auffällig: Alle drei nominierten Kinderspiele stammen von französischsprachigen Autoren und Verlagen. Schrapers spekuliert, dass die niedrigen deutschen Geburtenraten zu weniger Eltern – und damit weniger Spieleautoren – im Kinderspielbereich führen könnten, während in französischsprachigen Ländern und auf Messen wie der FIJ in Cannes Kinder eine stärkere Präsenz haben.
In der internationalen Brettspiel-Community auf Reddit und BoardGameGeek zeichnen sich klare Favoriten ab: Rebirth und Moon Colony Bloodbath werden enthusiastisch diskutiert. „Beides absolut brillante Spiele", schreibt ein Nutzer. Der Blog Analysis Paralysis, der seit Jahren algorithmische Vorhersagen auf Basis von Jury-Mitglieder-Bewertungen erstellt, traf mit Rebirth den einzigen Nominierten korrekt – und bezeichnete das Feld als „das offenste seit Beginn der Vorhersagen".
Für Überraschung sorgte, dass Take Time (Libellud) und Tag Team (Kosmos/Scorpion Masqué) nur auf der Empfehlungsliste landeten – viele hatten beide als Favoriten gesehen. Auch Meister Makatsu, Knizias zweites Spiel im diesjährigen Jahrgang, schaffte es „nur" auf die Empfehlungsliste.
Die Einnahmen aus dem Spiel-des-Jahres-Gütesiegel sind enorm: Karsten Esser, Mitgründer von Pegasus Spiele, bezifferte den Verkaufs-Boost für den Hauptpreis auf das Zehn- bis Zwanzigfache in den Monaten nach der Verleihung. Für die neun Nominierten steht also einiges auf dem Spiel – und für Knizia und Slawitscheck dazu ein Platz in den Geschichtsbüchern.