Gloomhaven: Das Spiel, das zu groß für seinen eigenen Erfolg wurde
2017 erschien ein Spiel in einer Schuhkarton-großen Box. Es wog fast 10 Kilogramm, enthielt über 1.700 Karten, Hunderte von Pappmarkern und eine Kampagne, die 100+ Stunden versprach. Gloomhaven war nicht nur ein Spiel — es war ein Statement. Ein einzelner Designer, Isaac Childres, hatte ein Monster erschaffen, das die Brettspielwelt in ihren Grundfesten erschütterte. Neun Jahre später steht es auf BGG-Rang 4 — aber die Frage, die die Community beschäftigt, ist nicht mehr „Ist es das beste Spiel aller Zeiten?", sondern: „Ist es zu viel Spiel?"
Gloomhaven · Autor: Isaac Childres · Verlag: Cephalofair Games (deutsch: Feuerland Spiele) · Illustration: Alexandr Elichev, Lucile Mathieu, Josh T. McDowell, Alvaro Nebot · 1–4 Personen · 60–120 Minuten · ab 14 Jahren · BGG: 8,5 (67.262 Bewertungen, Rang 4)
Das Versprechen: Ein Vermächtnis-Spiel ohne Vermächtnis-Zerstörung
Die Kickstarter-Kampagne 2015 war bescheiden: 386.000 US-Dollar von 4.900 Unterstützenden. Aber das Spiel, das 2017 ausgeliefert wurde, war alles andere als bescheiden. Gloomhaven versprach eine epische Kampagne mit 95 Szenarien, 17 spielbaren Charakterklassen, einem sich entwickelnden Spielplan (Aufkleber auf der Karte, aber keine zerstörten Komponenten) und einem innovativen Kampfsystem ohne Würfel. Stattdessen: ein Karten-basiertes System, bei dem jede Aktion eine Karte kostet und die Spielenden ihre Hand im Laufe des Szenarios erschöpfen.
Das Versprechen war: Ein Dungeon-Crawler, der sich wie ein taktisches Eurogame spielt. Kein Glück, nur Entscheidungen. Eine Welt, die auf deine Taten reagiert. Und das alles in einer Box, die ein ganzes Regalbrett für sich beansprucht.
Was tatsächlich geschah: Der Aufstieg und die Erschöpfung
Gloomhaven stieg innerhalb von Monaten auf BGG-Rang 1 auf — und hielt diese Position jahrelang. Es wurde zum meistdiskutierten, meistgespielten und meistgeliebten Spiel der späten 2010er Jahre. Die Erweiterung Forgotten Circles (2019) fügte 20 weitere Szenarien hinzu. Die Jaws of the Lion-Einsteigerversion (2020) brachte das System einem breiteren Publikum näher — mit einem Bruchteil des Preises und der Komplexität.
2023 erschien Frosthaven — der spirituelle Nachfolger, finanziert durch eine 12,9-Millionen-Dollar-Kickstarter-Kampagne, die damals größte der Brettspielgeschichte. Frosthaven war größer, komplexer, ambitionierter — und schwerer. Die Box wog über 16 Kilogramm.
Doch mit der Zeit kam die Ernüchterung. Die Community entdeckte, dass Gloomhaven nicht nur ein Spiel war, sondern ein Lebensstil. Die Verwaltung zwischen den Szenarien — Karten sortieren, Aufkleber platzieren, Ereignisse abhandeln — fraß fast so viel Zeit wie das Spielen selbst. Die Kampagne war episch, aber viele Gruppen schafften sie nie. Die Abbruchrate wurde zum stillen Elefanten im Raum.
Community-Stimmen: Das Monument und seine Risse
Die Verehrenden: „Das beste Spiel, das je gemacht wurde"
„Ich habe 150 Stunden in Gloomhaven investiert — mit derselben Gruppe, jeden Dienstagabend, zwei Jahre lang. Es hat unsere Freundschaft vertieft, unsere Köpfe gefordert und uns Geschichten gegeben, die wir heute noch erzählen. Kein anderes Spiel kann das."
Community-Stimme, Reddit r/boardgames
„Das Kampfsystem ist brillant. Keine Würfel — nur deine Karten und deine Entscheidungen. Wenn du verlierst, warst du es. Wenn du gewinnst, warst du es. Es ist das fairste Spiel, das ich kenne."
Community-Stimme, BGG-Foren
Die Erschöpften: „Ich bin an der Verwaltung gescheitert"
„Wir haben nach 20 Szenarien aufgegeben. Nicht weil das Spiel schlecht war — sondern weil der Aufbau 30 Minuten dauerte, die Verwaltung 15 Minuten und das eigentliche Spiel 90 Minuten. Das Verhältnis von Admin zu Spiel war einfach zu schlecht."
Community-Stimme, Reddit r/boardgames
„Gloomhaven ist das beste Spiel, das ich nie zu Ende gespielt habe. Ich besitze es, ich bewundere es, ich empfehle es — aber ich werde es nie wieder auf den Tisch bringen. Die digitale Version hat mir gezeigt, wie viel Spaß das Spiel macht, wenn jemand anderes die Verwaltung übernimmt."
Community-Stimme, BGG-Foren
„Jaws of the Lion ist das eigentliche Gloomhaven. Es hat 95 % des Spielgefühls mit 20 % des Aufwands. Ich wünschte, ich hätte damit angefangen statt mit der großen Box."
Community-Stimme, Reddit r/boardgames
Die Differenzierten: „Ein Meisterwerk mit einem Konstruktionsfehler"
„Gloomhaven hat das Brettspiel-Design revolutioniert — aber es hat auch gezeigt, wo die Grenzen des physischen Mediums liegen. Die Verwaltung, die Setup-Zeit, die Box-Größe — das sind keine Design-Fehler, das sind Medien-Fehler. Das Spiel ist zu groß für einen Tisch."
Community-Stimme, Reddit r/boardgames
Wo das Spiel heute steht
Mit BGG-Rang 4 und 67.000 Bewertungen ist Gloomhaven immer noch eines der höchstbewerteten Spiele aller Zeiten — auch wenn es die Spitzenposition an Brass: Birmingham und Pandemic Legacy: Season 1 abgegeben hat. Die digitale Version (Steam, 2021) hat dem Spiel ein zweites Leben gegeben und viele der Verwaltungsprobleme gelöst. Jaws of the Lion ist zum empfohlenen Einstiegspunkt geworden. Frosthaven hat die Formel weiterentwickelt, aber auch die Komplexität erhöht.
Die Verfügbarkeit ist gut: Gloomhaven ist im Fachhandel und online erhältlich, auf Deutsch bei Feuerland Spiele. Der Preis liegt bei etwa 130–150 Euro. Jaws of the Lion kostet etwa 50 Euro. Die digitale Version ist auf Steam für etwa 35 Euro erhältlich.
Gloomhaven bleibt das Spiel, das die Grenzen des Mediums ausgelotet hat. Es hat bewiesen, dass ein Brettspiel eine 100-Stunden-Kampagne tragen kann, dass ein Ein-Personen-Design-Projekt die Branche aufmischen kann und dass „zu groß" ein Kompliment und ein Problem zugleich sein kann. Die Frage, die bleibt: Ist Gloomhaven das beste Spiel aller Zeiten — oder das beste Spiel, das zu viel von seinen Spielenden verlangt?
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