„Kulturelle Gefahr": Zoll der Vereinigten Arabischen Emirate vernichtet Brettspiel „Dark Blood"

🇦🇪 Dubai / Abu Dhabi 22. Mai 2026 von der Redaktion

Stellen Sie sich vor: Sie unterstützen ein Brettspiel auf einer Crowdfunding-Plattform, warten monatelang auf die Lieferung, verfolgen gespannt die Tracking-Nummer – und dann klingelt nicht der Paketbote, sondern die Zollbehörde eines theokratischen Staates. Ihr Spiel sei eine „kulturelle Gefahr" („cultural hazard"), sagen sie. Es enthalte satanische Symbole. Sie hätten das Gesetz gebrochen. Dreißig Tage Zeit für eine Genehmigung des Kulturministeriums, die es gar nicht gibt. Und dann: Vernichtung. Keine Entschädigung. Kein Einspruch. Der Beamte, der alles entschied, ist nicht erreichbar.

Was nach einer dystopischen Kurzgeschichte klingt, ist einem Brettspiel-Enthusiasten in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) genau so passiert. Der Reddit-Nutzer u/WigglyWoo777 schilderte seinen Fall Anfang Mai 2026 im Subreddit r/boardgames – und löste damit eine Welle aus Wut, Sarkasmus und Solidarität aus. Stand jetzt: 512 positive Bewertungen, 187 Kommentare.

Das Spiel: „Dark Blood" – ein über Gamefound finanziertes Projekt mit okkultem Thema. Zum Lieferumfang gehören unter anderem die Erweiterung „Tree of the Damned" (Baum der Verdammten), das Kunstbuch „Occult and Rituals" (Okkultes und Rituale) sowie das „Inquisitor Module". Spielende können – so das Regelwerk wörtlich – ihren „Taint" (Befleckung) steigern. Für einen Zollbeamten am internationalen Flughafen der VAE war das offenbar genug.

Ein einzelner Beamter entscheidet über „kulturelle Gefahr"

Der Ablauf, wie u/WigglyWoo777 ihn beschreibt, ist ebenso bürokratisch wie kafkaesk: Das Paket wurde bei der Einfuhr am Flughafen von einem einzigen Zollbeamten als „cultural hazard" eingestuft. Grund: angebliche satanische Symbole auf den Spielmaterialien. Der Nutzer erhielt eine Frist von 30 Tagen, um eine Genehmigung des Kulturministeriums der VAE (Ministry of Culture) beizubringen – andernfalls werde das Spiel vernichtet.

„Mir wurde gesagt, ich hätte das Gesetz gebrochen und müsse innerhalb von 30 Tagen eine Freigabe des Kulturministeriums vorlegen. Es gibt aber gar kein Verfahren dafür. Selbst Bekannte mit Kontakten ins Ministerium konnten nicht helfen. Der Beamte, der das Spiel als Gefahr eingestuft hatte, war nicht erreichbar. Das Spiel wurde vernichtet – ohne jede Entschädigung."

Drei zentrale Punkte machen diesen Fall so bemerkenswert:

Mit anderen Worten: Ein einziger Mensch an einem Flughafen-Schalter kann mit einem Haken auf einem Formular darüber entscheiden, ob Ihre 150-Euro-Sammlerbox zu Asche wird.

Willkür als System? Weitere Fälle aus der Community

Der Fall „Dark Blood" ist kein Einzelfall. In den Kommentaren des Reddit-Beitrags tauchten weitere bemerkenswerte Geschichten auf:

„Grand Austria Hotel" – Wein als Alkoholimport
Ein anderer in den VAE lebender Nutzer berichtete, dass der Zoll für das Brettspiel „Grand Austria Hotel" eine Alkohol-Importlizenz verlangte – weil das Spiel Wein-Token (kleine Spielmarker mit Weinflaschen-Motiv) enthält. Der Zoll stufte die Abbildung von Wein als reglementierten Alkoholimport ein.
Indonesien: Indiana Jones und Star Wars als Gefahr
Ein Nutzer aus Indonesien erinnerte sich, dass in seiner Kindheit VHS-Kassetten von Indiana Jones und Star Wars vom Zoll als „cultural hazards" beschlagnahmt wurden – offenbar wegen Darstellungen übernatürlicher oder religiös aufgeladener Elemente (die Bundeslade in „Jäger des verlorenen Schatzes", die „Macht" in Star Wars).
DHL und „Taverna": Wenn auch der Logistiker zerstört
Bereits 2015 berichtete ein Nutzer, dass DHL Customs sein Brettspiel „Taverna" vernichtet habe – mit einer ebenso absurden Begründung. Auch hier: kein Einspruch, keine Entschädigung, ein verlorenes Spiel.

„Der BGG-Typ hat einen neuen Job" – die Community kontert mit Sarkasmus

Dass die Brettspiel-Community auf Reddit Humor als Bewältigungsstrategie nutzt, zeigte sich im erfolgreichsten Kommentar des Beitrags. Mit 566 positiven Bewertungen schrieb jemand:

„Immerhin wissen wir jetzt: Der Typ, der bei BoardGameGeek gefeuert wurde, hat einen neuen Job gefunden. Beim Zoll der Vereinigten Arabischen Emirate, offenbar."

Die Anspielung bezieht sich auf einen kurz zuvor eskalierten Vorfall: BoardGameGeek (BGG), die weltweit größte Brettspiel-Datenbank, hatte eine Werbeanzeige für das Spiel „Possess Me Satan" abgelehnt – mit einer Begründung, die viele in der Community als prüde und willkürlich empfanden (Thread auf r/boardgames). Der Nutzer u/WigglyWoo777 gab selbst an, dass ihn diese BGG-Kontroverse dazu motiviert hatte, seinen eigenen Zoll-Fall öffentlich zu machen.

Dubai: Glitzernde Metropole mit theokratischem Rechtssystem

Die Vereinigten Arabischen Emirate präsentieren sich gerne als weltoffener Handels- und Tourismus-Hotspot. Dubai wirbt mit Toleranz, Luxus und Internationalität. Doch das Rechtssystem basiert auf der Scharia, und die Grenzen dieser Toleranz verlaufen unsichtbar – und werden, das zeigt der Fall, von einzelnen Beamten im Wortsinn gezogen.

Der krasse Kontrast wird im selben Reddit-Beitrag deutlich: Ein in Dubai lebender Brettspiel-Sammler kommentierte, er habe über 100 Spiele ohne jedes Problem importiert. Was den einen Zollbeamten am „Dark Blood"-Paket zur „kulturellen Gefahr"-Einstufung bewegte, ließ hunderte andere Sendungen unberührt passieren. Die Durchsetzung ist nicht gesetzesförmig, sondern willkürabhängig – abhängig von Tagesform, persönlicher Religiosität und Laune des jeweiligen Beamten.

Was bedeutet das für Crowdfunding und internationalen Versand?

Der Fall wirft grundsätzliche Fragen auf, die über die VAE hinausgehen:

Fazit: Ein Spiel weniger, ein Problem mehr

Die Vernichtung von „Dark Blood" durch den Zoll der Vereinigten Arabischen Emirate ist mehr als eine kuriose Anekdote aus der Brettspiel-Community. Sie ist ein Symptom für die Kollision zweier Welten: der globalisierten, digitalen Crowdfunding-Kultur, in der Inhalte frei zirkulieren, mit theokratischen Staatsapparaten, die Inhalte nach religiösen Maßstäben filtern. Dazwischen: die Spielenden, die auf ihren Paketen sitzen bleiben – oder eben nicht.

Die Community hat ihre Antwort bereits gegeben: 512 Upvotes, beißender Sarkasmus und eine gesunde Portion Galgenhumor. Die offene Frage aber bleibt: Welches Spiel trifft es als nächstes? Und wie lange dauert es, bis die erste Crowdfunding-Kampagne einen Warnhinweis trägt: „Versand in die VAE auf eigenes Risiko – Ihr Spiel könnte als kulturelle Gefahr eingestuft und vernichtet werden"?


Quellen (alle auf Englisch, Zitate im Artikel übersetzt)