Tainted Grail: Der Menhir-Grind, der eine der besten Geschichten der Brettspielwelt fast zerstört hätte

15. Juni 2026 · Retrospektive · Lesezeit: ~8 Minuten

Es gibt Spiele, die man liebt, obwohl sie einen hassen. Tainted Grail: The Fall of Avalon ist so ein Spiel. 2019 von Awaken Realms veröffentlicht, versprach es eine düstere, nicht-lineare Kampagne in einer arthusianischen Welt, die von einer mysteriösen Seuche — dem Wyrdness — verzehrt wird. Die Kickstarter-Kampagne sammelte über 6 Millionen Euro ein. Die Miniaturen waren atemberaubend, die Geschichte von Autor Krzysztof Piskorski wurde als „das Beste, was je in einem Brettspiel geschrieben wurde" gehandelt. Und dann kam der Menhir.

Tainted Grail: The Fall of Avalon · Autoren: Krzysztof Piskorski, Marcin Świerkot · Verlag: Awaken Realms (deutsch: Pegasus Spiele) · Illustration: Piotr Foksowicz, Piotr Gacek, Patryk Jędraszek, Ewa Labak, Michael Peitsch, Andrzej Półtoranos · 1–4 Personen · 60–120 Minuten · ab 14 Jahren · BGG: 8,0 (14.091 Bewertungen, Rang 136)

Das Versprechen: Ein düsteres Epos mit Entscheidungsfreiheit

Awaken Realms hatte sich mit Nemesis (2018) und Lords of Hellas (2018) einen Namen als Produzent spektakulärer Kickstarter-Spiele gemacht. Tainted Grail sollte ihr Magnum Opus werden: eine narrative Kampagne mit verzweigten Entscheidungen, einem innovativen Kampfsystem (Diplomatie und Kampf als zwei Seiten derselben Mechanik) und einer Welt, die auf die Entscheidungen der Spielenden reagiert. Die Inspiration war klar: The Witcher trifft Dark Souls, verpackt in ein Brettspiel.

Die Kampagne endete mit 6.052.000 Euro — eine der erfolgreichsten Brettspiel-Kampagnen ihrer Zeit. Die Auslieferung begann Ende 2019.

Was tatsächlich geschah: Der Menhir-Fluch

Das Spiel kam an — und die Community entdeckte den Menhir-Mechanismus. In Tainted Grail müssen die Spielenden Menhire (magische Steine) mit Ressourcen aufladen, um zu verhindern, dass die Wyrdness das Land verschlingt. Klingt thematisch. War es auch — für die ersten drei Kapitel. Dann wurde es zum Grind.

Die Menhire mussten ständig aufgeladen werden. Die Ressourcen dafür waren knapp. Die Spielenden verbrachten einen großen Teil ihrer Zeit damit, Ressourcen zu sammeln, um Menhire zu aktivieren, um weiterzuspielen — statt die Geschichte zu erleben. Der Begriff „Menhir-Grind" wurde zum geflügelten Wort in der Community.

Awaken Realms reagierte. Sie veröffentlichten eine offizielle „Easy Mode"-Variante, die den Menhir-Mechanismus entschärfte. In der zweiten Auflage (2021) und der digitalen Version wurde das System grundlegend überarbeitet. Die Erweiterungen The Red Death und Age of Legends führten neue Kampagnen ein, die den Menhir-Grind von vornherein vermieden.

2022 erschien Tainted Grail: Kings of Ruin — ein eigenständiges Sequel mit neuem Setting und überarbeiteter Mechanik, das den Menhir-Mechanismus komplett hinter sich ließ.

Community-Stimmen: Hassliebe für die Ewigkeit

Die Liebenden: „Die beste Geschichte, die ich je in einem Brettspiel erlebt habe"

„Ich habe 60 Stunden in Tainted Grail investiert und bereue keine Minute. Die Geschichte ist so gut, dass ich den Menhir-Grind ertragen habe wie ein notwendiges Übel. Wie bei einem großartigen Buch, das ein paar langweilige Kapitel hat — du liest weiter, weil du wissen willst, wie es ausgeht."

Community-Stimme, Reddit r/boardgames

„Das Diplomatie-System ist genial. Du kämpfst nicht gegen Monster, du verhandelst mit ihnen — mit denselben Karten, die du auch im Kampf einsetzt. Es fühlt sich an wie ein echtes Rollenspiel, nicht wie ein Würfelglücksspiel."

Community-Stimme, BGG-Foren

Die Gequälten: „Der Menhir hat meine Gruppe zerstört"

„Wir haben nach Kapitel 4 aufgegeben. Nicht wegen der Geschichte — die war fantastisch. Sondern weil wir drei Abende hintereinander nur Ressourcen gesammelt haben, um einen Menhir aufzuladen. Das ist kein Spiel, das ist Arbeit."

Community-Stimme, Reddit r/boardgames

„Tainted Grail ist das einzige Spiel, bei dem ich die Easy-Mode-Regeln als die eigentlichen Regeln betrachte. Der Standard-Modus ist ein Balance-Fehler, den Awaken Realms nie hätte ausliefern dürfen."

Community-Stimme, BGG-Foren

„Ich habe das Spiel geliebt und gehasst im Verhältnis 50:50. Die Geschichte: 10/10. Die Mechanik: 4/10. Die Atmosphäre: 10/10. Der Grind: 1/10. Es ist das widersprüchlichste Spiel, das ich besitze."

Community-Stimme, Reddit r/boardgames

Die Versöhnten: „Kings of Ruin hat alles repariert"

„Kings of Ruin ist das Spiel, das Tainted Grail immer sein wollte. Die Geschichte ist genauso gut, aber die Mechanik behindert sie nicht mehr. Es ist, als hätte Awaken Realms drei Jahre lang zugehört und dann genau das gemacht, was die Community wollte."

Community-Stimme, Reddit r/boardgames

Wo das Spiel heute steht

Mit BGG-Rang 136 und einer Wertung von 8,0 bei über 14.000 Bewertungen hat Tainted Grail eine starke Position — bemerkenswert für ein Spiel, dessen Kernmechanik so kontrovers ist. Die zweite Auflage mit überarbeiteten Regeln, die digitale Version und Kings of Ruin haben das Franchise am Leben gehalten.

Die Verfügbarkeit ist gut: Die englische Version ist über Awaken Realms und den Fachhandel erhältlich, die deutsche Version über Pegasus Spiele. Der Preis liegt bei etwa 100–120 Euro für das Grundspiel. Kings of Ruin kostet ähnlich viel.

Tainted Grail ist das Paradebeispiel für ein Spiel, das an seinem eigenen Ehrgeiz fast gescheitert wäre. Die Geschichte ist außergewöhnlich — aber eine gute Geschichte allein macht noch kein gutes Spiel. Awaken Realms hat aus den Fehlern gelernt, und Kings of Ruin zeigt, dass sie zugehört haben. Die Frage, die bleibt: Hätte Tainted Grail ohne den Menhir-Grind ein BGG-Top-50-Spiel sein können? Die Community ist sich einig: Ja.

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Quellen

  1. Tainted Grail: The Fall of Avalon auf BoardGameGeek
  2. Tainted Grail: Kings of Ruin auf BGG
  3. Tainted Grail bei Awaken Realms
  4. Tainted Grail bei Pegasus Spiele (deutsche Ausgabe)